Sommerreise entlang der Ostsee

Diese Kolumne erschien in der Berner Zeitung vom 10. August 2010.

Wer in Helsinki den Zug nimmt und knapp sechs Stunden später in St. Petersburg ankommt, steigt in einer ganz anderen Welt aus. Nach dem in vielerlei Hinsicht vorbildlichen Finnland erscheint der im Sowjetstil erbaute, immer noch am „Lenin-Platz“ gelegene, von lauten fliegenden Händlern bevölkerte Finnländische Bahnhof in St. Petersburg wie der Eingang zu einem anderen Universum: Bettelnde Omas kauern am Strassenrand, rücksichtslos rasende Autos jagen über die Kreuzungen und überall stösst der Blick zugleich auf extreme Armut einerseits und obszön zur Schau getragenen Reichtum andererseits.

Auch die Miliz ist allgegenwärtig und will bald schon unsere Pässe sehen. Glück gehabt, wenn alles stimmt – nicht daran zu denken, wenn irgendeine Formalität nicht richtig erfüllt wäre. Im Willkürstaat Russland kann die kleinste Bagatelle zu grösstem Ärger mit den korrupten Behörden führen. In solchen Momenten begreift man erst richtig, was wir an den bei uns nicht selten geringschätzig betrachteten Werten „Menschenrechte“ und „Rechtssicherheit“ eigentlich haben. Später geht meine Reise weiter in die neuen EU-Staaten Estland, Lettland und Litauen. Vor nicht einmal 20 Jahren waren die drei baltischen Länder noch von der Sowjetunion annektiert und gehörten somit zum selben Staat wie St. Petersburg. Die Fahrt im Überlandbus ist ebenfalls von grossen Unterschieden geprägt. Während die russische Strasse bis zur estnischen Grenze eine Holperpiste ist, entspricht sie dahinter auf einmal europäischem Standard. Und auch an anderen Orten finde ich plötzlich europäisches Niveau: Politische Stabilität, die Einhaltung europäischer Mindeststandards in den Bereichen Umweltschutz oder Rechtssicherheit etwa. Dazu kommt, dass fast alle Esten Englisch sprechen, welches zum Teil schon auf Kindergartenstufe unterrichtet wird, dass das Leitungswasser anders als oft in St. Petersburg weder bräunlich verfärbt ist noch nach Abwasser stinkt, dass die Infrastrukturen in gutem Zustand sind oder derzeit ausgebaut werden – zum Beispiel Kläranlagen, Abfallentsorgung, Gesundheitsversorgung und vieles mehr.

Natürlich sieht man auch im Baltikum da und dort Spuren der Sowjetzeit. Und ohne Zweifel gibt es auch im neuen EU-Baltikum Armut und soziale Missstände; zudem sind die Folgen der jüngsten Wirtschaftskrise sichtbar. Doch an deren Überwindung wird energisch gearbeitet. Ob neue Bahnhöfe und Zugskompositionen, renovierte Kirchen und Altstadtgassen oder sanierte Schulen: Überall prangt das Sternenbanner der EU. Der positive Wandel wäre ohne die EU nicht machbar gewesen. Davon profitieren wir auch in der Schweiz, denn diese Stabilität führt zu sichereren Handels- und Wirtschaftsbeziehungen und verhindert Migration im grossen Stil.

Auf meiner Sommerreise entlang der Ostsee staunte ich deshalb über die plumpe Sommerloch-Debatte in der Schweiz zu einem möglichen EU-Beitritt. Einmal mehr wird mit dem Rechenschieber gerechnet, was uns mehr kostet. Logisch: Rein finanzpolitisch betrachtet, wären wir als reicher Staat ein Nettozahler in der EU. Wir profitieren aber ganz massiv volkswirtschaftlich, politisch und auch sicherheitspolitisch von den Leistungen der EU. Es wäre also ein Akt der Würde, der Vernunft und des Anstandes, wenn wir dabei selber aktiv partizipieren und souverän mitgestalten würden. Doch viele wollen lieber auf der Ersatzbank zuschauen und überlegen, wie man zu möglichst billigem Preis möglichst viel profitieren kann. Mich würde es erstaunen, wenn sich die EU das noch lange bieten liesse.

 

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