Wehrpflicht ist ein alter Zopf

Erschienen im links Nr. 199, Juni 2011

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks von 1989/90 gestalteten die meisten Länder Europas ihre Sicherheitspolitik neu. So haben sie sich nicht nur von den Massenheeren, die sie im Kalten Krieg aufrechterhalten hatten, verabschiedet, sondern sie haben ihre Armeen grundlegend reformiert, weil der Abbau einer Armee Hand in Hand mit einem Umbau, mit einer echten Reform der Streitkräfte gehen muss. Die neue Risiken einer globalisierten Welt führten also zu einem tiefgreifenden Strukturwandel: Wehrpflichtarmeen wurden zu Freiwilligenarmeen; und die Aufgaben und Ziele wurden an die neue Bedrohungslage angepasst. Das hat die Schweiz verpasst.

Und das obwohl auch namhafte Experten die allgemeine Wehrpflicht äusserst kritisch beurteilen. Sie ist nicht nur aus militär- und sicherheitspolitischer Optik fragwürdig, sonder auch ein ökonomischer Unsinn. Vollkostenrechnungen zeigen, dass eine Wehrpflichtarmee weit höhere Kosten verursacht als eine Freiwilligenarmee. Zudem verletzt sie das Prinzip der Wehrgerechtigkeit massiv. Würden wirklich alle jungen Männer von zehn Jahrgängen der Armee angehören, hätten wir Bestände von bis zu rund 350‘000 Armeeangehörigen – viel zu viel! Deshalb werden bereits heute rund 40 Prozent der Stellungspflichtigen von der Armee ferngehalten - und nur knapp 50 Prozent bleiben der Armee bis zum Ende der Dienstpflicht erhalten. Und dennoch bleibt ein Massenheer von einer Grösse, das - falls jemals aufgeboten - zum sofortigen Zusammenbruch der Wirtschaft führen würde.

Im globalisierten Wettbewerb stellt eine Wehrpflichtarmee einen nicht zu unterschätzenden Standortnachteil dar. So ist es denn auch kein Zufall, dass in der Schweiz seit längerem führende Wirtschaftsverbände die Wehrpflicht infrage stellen. Viele Wirtschaftsunternehmen sehen heute eine Militärkarriere ihrer Angestellten nicht mehr als Gewinn, sondern als einen möglichst zu vermeidenden Kostenfaktor.

Doch die Armee verschliesst trotz diesen Fakten weiter die Augen statt der Realität tabulos in die Augen zu schauen und mutige Massnahmen zu ergreifen, um die Rekrutierung langfristig auf einen besseren Weg zu bringen. Lieber schreibt die Armee heute Männer krank, die im zivilen Leben mit Höchstleistungen brillieren. Roger Federer etwa ist militärdienstuntauglich. Und ein Blick auf die Tauglichkeit unserer Fussball-Nati-Spieler fördert Erstaunliches zu Tage – Untauglichkeitsraten wie in einem Lazarett! Deshalb ist klar: Wer interessiert ist, dass die Armee nicht ungerecht rekrutiert und ineffizient funktioniert, muss bereit sein, den alten Zopf der allgemeinen Wehrpflicht abzuschneiden.

string(45) "Wehrpflicht ist ein alter Zopf | evi allemann"