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Wer zu spät kommt, den bestraft die Zukunft

Um die Krise als Chance zu nutzen, müssen wir unsere Wut in Mut wandeln. In Mut zum ökologisch-technologischen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft. Wer nun reflexartig aufstöhnt und im Geist bereits die Platte der Verzichts- und Weltuntergangsrhetorik der 80er Jahre auflegt, hat den Denk-Schalter von vorgestern erwischt. Heute muss die Reaktion pragmatisch ausfallen und in die Einsicht münden, dass Konjunkturkrise und Klimawandel gemeinsame Wurzeln haben: egoistische Ressourcenplünderung, übersteigerte Gewinnerwartungen oder aus dem Ruder gelaufener Wachstumsdrang etwa.


Wollen wir die Krise nachhaltig überwinden, reichen überfällige Regulierungen des Finanzmarktes und das Aufdrehen des staatlichen Geldhahns alleine nicht. Mit Blick auf das Potenzial eines radikalen Richtungswechsels müssen wir mit voller Kraft und sehr bewusst auf die Ressourcen- und Klimaschutzkarte setzen. Dazu gehört ein Konjunkturprogramm, das gezielt die Ressourceneffizienz und den Klimaschutz ins Zentrum stellt und nicht wahllos Projekte vorzieht, die zufälligerweise gerade realisierungsreif sind. Ansonsten laufen wir Gefahr, in Beton zu investieren, welcher der Bauwirtschaft zwar kurzfristig ein paar Aufträge und damit Arbeitsplätze sichert, langfristig aber in die genau entgegengesetzte Richtung wirkt, als dringend nötig wäre: in den Kollaps statt in den Aufbruch. Denken wir zum Beispiel an die Autoindustrie. Dort heisst mehr Ressourceneffizienz weniger Verbrauch durch neue Technologien. Oder bei der Energieversorgung: Innovation bringt auch hier nicht nur mehr Klimaschutz, sondern ebenso neue Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Gewinn. Zudem verringert dies die Abhängigkeit von Öl und Gas, die in aller Regel aus autokratisch geführten Ländern stammen und uns von deren Willkür abhängig machen.

„Green Economy“ oder „New Green Deal“ sind die neuen Begriffe, die sich auf der internationalen Bühne rasch mit konkretem Inhalt füllen müssen. Weltweit sollten die massiven staatlichen Interventionen zum ökologischen Umbau und zur Armutsbekämpfung genutzt werden. Ein wichtiger Schritt wird am kommenden Montag getan: In Bonn wird die internationale Agentur für erneuerbare Energien (IRENA) gegründet. Der Bundesrat zögert der IRENA beizutreten, weil dies rund 1 Million Franken kosten würde. Dieser Kleinmut liegt heute genauso quer in der Landschaft wie die Hilf- und Ratlosigkeit unserer Schönwetter-Wirtschaftsministerin Doris Leuthard. Wenn wir nicht mal die kleinen Schritte wagen, wie sollen denn die grossen gelingen? Wer jetzt zögert, für den oder die gilt wohl bald: Wer zu spät kommt, den bestraft die Zukunft.

Diese Kolumne erschien am 24. Januar 2009 in der Berner Zeitung.