Dieser Tage geistert eine Besorgnis erregende Meldung durch die Medien: Der Klimawandel ist in den Jahren 2000 bis 2007 weitaus schneller vorangeschritten als bisher prognostiziert. Die CO2-Emissionen sind durchschnittlich um 3,5 Prozent pro Jahr gestiegen. Das ist dreimal so schnell wie in den Jahren 1990 bis 1999, sagen Forscher des Weltklimarates IPCC. Dies hat viel mit einem anderen Thema zu tun, das derzeit die Schlagzeilen dominiert: mit der Finanzmarktkrise und ihren Folgen. Beide Übel haben denselben Ursprung: Gier und Masslosigkeit. Auf der einen Seite die masslose Verschwendung endlicher Ressourcen wie etwa Erdöl zur Deckung unserer grenzenlosen Gier nach Luxus und Mobilität. Auf der anderen Seite die Gier von Aktionären, Anlegern und Bankern nach masslosen Gewinnen auf Kosten der Allgemeinheit.
Masslosigkeit und Gier sind menschliche Untugenden. Darüber zu klagen ist Zeitverschwendung. Wir alle kennen sie – und sei es nur beim Verschlingen von Süssem. Wollen wir die anstehenden Probleme bewältigen, müssen wir wirksame Anreize, aber auch klare Grenzen setzen. In Debatten über Jugendgewalt, Sozialmissbrauch und öffentliche Sicherheit wird stets betont, wie wichtig es sei, Grenzen zu setzen, zu kontrollieren, rechtzeitig einzuschreiten und falls nötig umgehend zu sanktionieren. Dies muss ganz besonders auch beim umweltschädigenden Ressourcenverschleiss und beim unregulierten und masslos gierigen Gewinnstreben gelten. Gesellschaftlich unerwünschte Auswüchse können wir nur in Schranken weisen, wenn wir bisherige Anreize, welche Masslosigkeit und Gier fördern, durch solche ersetzen, welche langfristig ausgerichtetes Handeln belohnen. Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt sagte dazu: "Je dichter der Verkehr wird, umso mehr Verkehrsregeln und -aufsichten und Verkehrspolizei braucht man. Und das gleiche gilt für den internationalen Finanzverkehr." In diesem Sinne hat Deregulierung als ideologischer Kampfbegriff ausgedient. Denn jede Liberalisierung – sei sie im Finanzmarkt oder anderswo – bedarf neuer Regulierungen. Selbst der irrlichternde Blocher hat offenbar inzwischen eingesehen, dass es im Bösebuben-Geschäft der Finanzmärkte ohne Regeln keine langfristig positiven Entwicklungen gibt. Diskussionen darüber, ob es überhaupt Regulierungen braucht, sind von gestern. Heute müssen wir darüber diskutieren wie wir diese ausgestalten wollen. Die Beschränkung der Boni sowie stärkere staatliche Aufsichtsgremien werden allerdings nicht ausreichen. Zusätzlich braucht es international gültige minimale Finanzmarkt-, Umwelt- und Sozialstandards.
Die Wirtschaft soll im Dienste der Menschen stehen, nicht umgekehrt. Ob beim Verbrauch von Ressourcen oder bei der Profitgier: Damit es der Welt wieder besser geht, braucht es gute Anreizsysteme und griffige Regeln. Eine CO2-Abgabe soll uns dazu motivieren, weniger Energie zu verbrauchen; mit verschärften Baustandards muss dem Energiesparen auch mit Vorschriften nachgeholfen werden. Ein neues Lohnsystem soll die Bankmanager wieder dazu bringen, die langfristige Wertsteigerung zum Massstab zu nehmen. Die laufende Revision des Aktienrechts gibt Gelegenheit, dazu die nötigen Regeln aufzustellen.
Diese Kolumen erschien in der Berner Zeitung vom 21. Februar 2009. |