„Winnenden kann überall sein, auch in unseren Städten und Dörfern“, sagte ich in der Waffendebatte des Nationalrates am Montag und meinte damit: Die Verfügbarkeit von Schusswaffen, seien es Armeewaffen oder andere, ist in der Schweiz enorm hoch. Rund 2.3 Millionen Feuerwaffen zählt das private Waffenarsenal – ein permanentes Sicherheitsrisiko. In Kombination mit anderen Faktoren wie den laschen Regeln über so genannte Killergames und gewaltdarstellende Videos kann das geradezu explosiv sein.
Verantwortlich ist nicht allein die Politik. Doch sie kann und soll Rahmenbedingungen schaffen, die dazu beitragen, dass Schusswaffenmissbräuche künftig massiv seltener werden. Einfache, konkrete Massnahmen sind etwa die Lagerung der Armeewaffen im Zeughaus oder gezielte Waffen-Einsammelaktionen. Wichtig ist aber auch, dass einen Bedarf nachweisen und die erforderlichen Fähigkeiten mitbringen muss, wer Waffen besitzen, tragen und gebrauchen will. Zudem sollen alle Waffen – nicht nur jene der Armee – zentral registriert werden, was Verbrechen verhindern und vor allem die Strafverfolgung deutlich erleichtern würde. Der Amoklauf ist ein altbekanntes Phänomen, Schul-Amoks hingegen sind neueren Datums. Seit 1974 sind weltweit etwa deren 100 gezählt worden, 66 davon in den letzten zehn Jahren. Jugendliche, die schwer bewaffnet ihre Schule stürmen, um Lehrerinnen und Lehrer, Mitschülerinnen und Mitschüler und meist auch sich selbst zu erschiessen, lösen Entsetzen aus und verursachen viel Leid bei den Angehörigen der Opfer. Doch was treibt die jungen Täter? Wir wissen wenig über sie, ausser vielleicht: Sie sind fast durchwegs männlich, auffällig unauffällig und unzugänglich. Sie haben Neigung und Zugang zu Waffen, empfinden starke Gefühle der Zurücksetzung und verbringen oft Tage und Nächte allein mit Gewaltspielen am Bildschirm. Frei nach Hans Magnus Enzensberger sind es „Schreckens Burschen“, radikale Verlierer, die sich absondern und wie Schläfer auf ihre Stunde warten. Ist die Schreckensstunde des radikalen Verlierers gekommen, ist er voll unbezähmbarer, destruktiver Energie, die sich nährt aus totaler Perspektivlosigkeit, Enttäuschung, Ungerechtigkeit oder Demütigung. Schuld an seiner Lage sind für ihn die anderen, die Klassenkameraden, welche ausgrenzen und mobben, die Lehrerin, welche schlechte Noten gibt oder die Arbeitswelt, welche ihm Misserfolg auf der Lehrstellensuche beschert. Und doch wird der radikale Verlierer das Gefühl nie ganz los, dass es letztlich auch an ihm selbst liegen könnte, dass er selber daran beteiligt ist. Und schliesslich hat für ihn alles keinen Sinn mehr. Ausweg sind in den Augen des radikalen Verlierers Zerstörung und Selbstzerstörung, der Triumph über die anderen und gleichzeitig über sich selber. Das Mittel ist bewaffnete Gewalt, die ihm aus den vielen einsamen Stunden vor dem Computer vertraut scheint. Die griffbereite Schusswaffe im elterlichen Haushalt vereinfacht manches. Die Gewissheit, dass nach dem Massaker über ihn gesprochen wird, dass er wenigstens durch seine schreckliche Tat endlich ernst genommen wird, ist zusätzlicher Antrieb seiner Rache. Die Politik muss sich fragen, was an den Verhältnissen geändert werden kann, damit solche Taten möglichst häufig verhindert werden können. Gleichzeitig müssen wir uns auch eingestehen: Neue Gesetze allein machen den radikalen Verlierer nicht zum Gewinner. Hier ist die ganze Gesellschaft gefordert.
Diese Kolumne erschien in der Berner Zeitung vom 21. März 2009.
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