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Mehr Selbstbewusstsein und Reformwille statt Selbstmitleid

Ein Aufschrei ging durchs Land. Die kollektive Empörung ebbte in den letzten Wochen nicht mehr ab, über die OECD, die G-20 oder den deutschen Finanzminister. Die teilweise hysterisch geführte Debatte verstellte dabei weitgehend den Blick auf die wesentlichen Fragen und wirklichen Probleme. Aus der Vergangenheit kennen wir dieses Muster nur zu gut: Wenn unser Land von aussen kritisiert wird, sind die Reaktionen kopflos und überhastet, und sofort beginnt der Streit darüber, ob die Kritik nicht zu dreist, zu laut, zu frech dahergekommen sei. Meist wird vor allem über die Form der Kritik geklagt – so erscheint deren Inhalt zweitrangig und kann verdrängt werden. So war es zum Beispiel auch Ende der 90er Jahre in der Diskussion um jüdische Vermögen auf Schweizer Banken. Viele fanden damals, die Schweiz werde ungerecht behandelt – dabei ging es um moralisch höchst fragwürdiges Verhalten gewisser Schweizer Banken.

Es ist ärgerlich, dass die G-20-Staaten Länder wie die Schweiz, Belgien, Luxemburg oder Österreich auf eine „graue Liste“ gesetzt haben, gleichzeitig aber bei den chinesischen Steueroasen Hongkong und Macau, den USA oder Grossbritannien ein oder gar beide Augen zudrücken. Gewiss, OECD-Generalsekretär Angel Gurría hat vor allem den mächtigen OECD-Mitgliedern zu gefallen versucht. Ohne Zweifel: Der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück steht im Wahlkampf und seine Metaphern aus der Cowboy-Kriegsrhetorik sind fragwürdig. Klar werden Vorwürfe gegen den Finanzplatz Schweiz nie nur aus moralischen Beweggründen erhoben, sondern es stehen immer auch handfeste politische Interessen dahinter. Aber leider sind viele Vorwürfe durchaus berechtigt.

Aus dem Alltag wissen wir: Wer Kritik stets kategorisch zurückweist, den oder die halten wir für kritikunfähig und nehmen an, dass es ihm oder ihr an Selbstbewusstsein mangelt. Genau in eine solche Lage hat sich die Schweiz in den Augen der übrigen Länder hineinmanövriert. Anstatt sachlich, nüchtern und gelassen die Vorwürfe auszuwerten und selbstkritisch zu unterscheiden, wo die Schweiz besser werden muss und wo man sie zu Unrecht an den Pranger stellt, haben sich der Bundesrat und mit ihm viele Bürgerliche zunächst eingeigelt und versucht, das Problem solange es ging auszusitzen; und nun werden grosse Töne gespuckt. Am Schluss aber, das lehrt uns auch die Geschichte, muss die Schweiz schon nur wegen ihrer wirtschaftlichen Auslandsabhängigkeit klein beigeben. Die politische Schweiz hat sich unprofessionell und störrisch verhalten, und mit ihrer einseitigen Selbstwahrnehmung als Sündenbock der Wirtschaftsgrossmächte hat sie weder Glaubwürdigkeit noch Verständnis gewonnen. Leider werden wir nun so wegen unserer Unfähigkeit zur Selbstkritik mehr verlieren, als nötig gewesen wäre.

Um weitere Zugeständnisse werden wir kaum herumkommen. Und das ist auch richtig so. Denn unser Land war und ist zusammen mit anderen internationalen Finanzplätzen Versteck für fragwürdige Fluchtgelder, für Steuerbetrüger und für jene Kreise, welche die Weltwirtschaft durch ihren schamlosen Eigennutz an die Wand gefahren haben. Wenn es etwas zu fordern gibt, dann dies: dass überall mit gleich langen Ellen gemessen werde. Es müssen für alle Länder dieselben Kriterien gelten – egal wie gross und wichtig sie oder ihre Beschützer sind. Um glaubwürdig zu sein, braucht die Schweiz aber mehr Selbstkritik und Selbstbewusstsein, und gleichzeitig weniger selbstmitleidiges Wehklagen.

Diese Kolumne erschien in der Berner Zeitung vom 18. April 2009.