Vor 20 Jahren spitzte sich in den damals kommunistischen Ländern Mittel- und Osteuropas eine dramatische Entwicklung zu: Ungarn entfernte am 2. Mai 1989 den Zaun an der Grenze zu Österreich. Damit wurde ein Loch in den so genannten Eisernen Vorhang gerissen, der Europa während des Kalten Krieges 40 Jahre lang in zwei Hälften geteilt hatte. Bald darauf wurde die neue löchrige Grenze zum Fluchttor für viele DDR-Bürgerinnen und –Bürger, die in Scharen über Ungarn aus ihrem Land flüchteten. Zusammen mit anwachsenden wochenlangen Massenprotesten gehörte dies zu den Hauptursachen des berühmten Falls der Berliner Mauer am 9. November. Wie wir heute wissen, bedeutete der Mauerfall eine epochale Wende mit radikalen Folgen für die ganze Welt, auch für die Schweiz.
Der Fall der hermetisch abgeriegelten Grenzen zwischen Ost und West führte zu einem gewaltigen Globalisierungsschub. Gleichzeitig setzte die Computer-Ära ein und beschleunigte diese Entwicklung zusätzlich. Innert knapp zehn Jahren setzten sich Internet und Mobiltelefonie durch – mit weitreichenden Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft. Parallel dazu fand weltweit eine radikale Deregulierung vieler Bereiche statt. Die Schweiz gehörte bei fast all diesen Entwicklungen zu den grossen Gewinnerinnen. Als Exportnation konnte sie nun ihre Produkte rund um den Globus verkaufen. Während die Schweiz sich fast ausschliesslich ums Geschäfte-Machen kümmerte, sorgte die Europäische Union daneben dafür, dass der Umbruch in Osteuropa sozial und gesellschaftlich abgefedert wurde. Es ist eine riesige Leistung der betroffenen Länder und der EU, dass der tiefgreifende Wandel derart friedlich verlaufen konnte. Von dieser Stabilität vor der eigenen Haustüre profitierte die Schweiz massiv. Man stelle sich vor, was es bedeutet hätte, wenn die Kriege und Flüchtlingsströme Ex-Jugoslawiens nicht die Ausnahme, sondern die Regel gewesen wären. Auch in der aktuellen Wirtschaftskrise spielt die EU insgesamt eine positive Rolle: Sie hat verhindert, dass alle Einzelstaaten eigene Lösungen anstreben und durchgesetzt, dass eine gemeinsame Strategie, die aus der Krise führen soll, entwickelt wird. Auch davon wird die Schweiz profitieren, die über 60 % ihrer Waren in die EU exportiert. Der Mauerfall veränderte, globalisierte und erneuerte die Schweiz, aber bei weitem nicht in allen Bereichen. Nach wie vor ist etwa die Landesverteidigung stark vom Denken des Kalten Krieges geprägt; nach wie vor verteuern wir den Wohnungsbau durch obligatorische Schutzräume für den Fall eines Atomkrieges; nach wie vor glaubt die Schweiz, es gehe nur sie etwas an, wer sein Geld hier versteckt. Und immer noch ist lautes Nachdenken über einen EU-Beitritt in weiten Kreisen verpönt. Eine satte Mehrheit verzichtet lieber auf jegliche Mitsprache und lässt die Schweiz in höchstens symbolischer „Autonomie“ zig EU-Gesetze übernehmen, statt dass wir am 7. Juni unsere Abgeordneten fürs EU-Parlament wählen und aktiv mitbestimmen könnten. Wer in der Schweiz lebt, ist privilegiert. Es ist ein landschaftlich wunderschönes Land mit hoher Lebensqualität, einer dynamischen Wirtschaft und dem wohl besten öffentlichen Verkehr der Welt. Auf der anderen Seite hat die Schweiz wichtige politische und gesellschaftliche Entwicklungen auf sträfliche Weise verschlafen und es zum eigenen Nachteil bis heute verpasst, die neue Weltordnung wirklich zur Kenntnis zu nehmen und sich in allen Bereichen entsprechend zu erneuern. Das müssen wir nachholen, gerade auch angesichts der jüngsten Entwicklungen. Reissen wir also auch in der Schweiz die letzten Mauern der Isolation ein.
Diese Kolumne erschien in der Berner Zeitung vom 16. Mai 2009.
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