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Sommerreise durch Georgien

Meine Sommerreise führt mich dieses Jahr durch ein Land im Umbruch, das letzten August mit Kriegsbildern von russischen und georgischen Panzern, zerstörten Brücken und Wohnhäusern durch die Medien geisterte – durch Georgien. Der Krieg war zum Glück von kurzer Dauer, die EU-Verhandlungen einigermassen erfolgreich, und auf die Kriegshandlungen folgte wieder eine Art kalter Krieg. Heute kann das Land wieder individuell bereist werden, die Leute empfangen uns neugierig und mit unübertrefflicher Gastfreundschaft. Die Suche nach Antworten darauf, wohin Georgien genau aufbrechen wird, erweist sich als wesentlich schwieriger als die Reise durch dieses wunderschöne Land.
Zu Gast bei Suliko und Mediko, welche in der zweitgrössten georgischen Stadt Kutaisi die freien Zimmer ihres Hauses an Reisende vermieten, wird der Tisch für uns reich gedeckt. Schmackhafte Eintöpfe und Salate aus dem Garten werden serviert. Unsere Anwesenheit trägt zur guten Stimmung bei, denn Gäste kommen seit letztem August nicht mehr so häufig vorbei. Fällt aber das Stichwort „August“, lässt sich in Medikos Augen die Angst vor einem neuen Krieg erkennen. Sie wisse nicht, ob der Krieg wieder aufflamme, was die Zukunft bringe und wohin der Weg Georgiens führe. Wie dieser rüstigen Oma und ihrem Mann geht es den meisten Menschen in Georgien, einem Land das zwischen den Bergkämmen des grossen und kleinen Kaukasus, zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer, zwischen den grossen Regionalmächten Russland, Türkei und Iran liegt. Es ist diese Situation als Zwischenraum, die für Georgien immer wieder zum Problem geworden ist, die aber auch eine schier unendliche Fülle an Kultur und eine sagenhaft vielfältige Küche hinterlassen hat.

Der Südkaukasus ist durch seine geostrategisch wichtige Lage ein Fixpunkt auf dem machtpolitischen Radar von Washington, Brüssel und Moskau. Im Nachbarland Aserbaidschan und den Staaten östlich des Kaspischen Meeres befinden sich riesige Erdöl- und Erdgasvorkommen, welche allerlei Begehrlichkeiten wecken. Für Europa und die USA ist Georgien besonders deshalb von strategischer Bedeutung, weil die Beförderung dieser Rohstoffe in den Westen an Russland, Iran und deren Einflüssen vorbei praktisch nur via Georgien möglich ist. Die auf den ersten Blick ethnisch begründeten Konflikte in den nach Unabhängigkeit strebenden Regionen Abchasien und Südossetien sind beim zweiten Hinschauen primär Konflikte um Macht und Einfluss in einem weltpolitisch brisanten Raum.

In Georgien bewege ich mich in einem Land zwischen Aufbruch und Resignation, zwischen Westorientierung und sowjetischer Tristesse, zwischen neuem Reichtum und, für die ehemals reichste Sowjetregion ebenfalls eine Neuigkeit, bitterer Armut. Fragt man in Georgien die Menschen, wie es weitergehe, geben fast alle zu erkennen, dass sie keine Ahnung haben. Sie trauen weder der Regierung noch der Opposition einen Weg aus der Misere zu, und die meisten haben vor dem grossen Nachbarn Russland Angst.

Ich hoffe, dass Georgien den Aufbruch schaffen und nicht zwischen den Interessen von Grossmächten und Energiegrosskonsumenten zerrieben wird. Die Schweiz spielt dabei eine bedeutende Mittlerrolle und vertritt die diplomatischen Interessen Russlands in Georgien und umgekehrt. Dazu kommen Projekte für wirtschaftliche Entwicklung im ländlichen Raum oder für menschenwürdigere Lebensumstände der rund 250‘000 landesintern Geflüchteten. Eine bessere Zukunft Georgiens und der gesamten Kaukasusregion hängt aber letztlich nicht nur vom guten Willen fremder Nationen ab, sondern ganz besonders auch vom politischen Geschick und von konkreten Projekten der lokalen Eliten.

Diese Kolume erschien in der Berner Zeitung vom 17. Juli 2009. Evi Allemann war damals per Bus und Bahn unterwegs durch den Südkaukasus, u.a. auch durch Georgien.