…vor allem für die junge Generation: 4.6% Jugendarbeitslosigkeit zeigt das seco-Barometer aktuell an. Das sind fast drei Viertel mehr als im Vorjahr, und ein Ende des Anstiegs ist nicht in Sicht. Wir, die Generation der 20- bis 35-Jährigen, sind Krisenkinder: Geprägt haben uns Umweltkrise, Mauerfall, Globalisierungskrise, Lehrstellenkrise, 11. September, Klimakrise, Finanzkrise.
Gleichzeitig sind wir aber auch Kinder des Überflusses, der goldenen 80er und der spassigen 90er. Wir wurden in einem Gefühl sorgloser Sättigung gross, in das sich eine mehr und mehr um sich greifende Unsicherheit einschlich. Gewissheiten gibt es kaum mehr. Niemand weiss, ob er in ein paar Jahren noch denselben Job hat, ob die eben erst gegründete Familie noch besteht und ob der beste Freund noch in der Nähe wohnt. Wir haben höchstens noch eine vage Gewissheit darüber, was richtig ist und was falsch, und auch die Gewissheit einer stabilen politischen Ordnung kommt uns langsam abhanden. Materiell geht es unserer Generation (noch) mehrheitlich sehr gut. Aber uns verbindet das Prekäre: Die Lebensverhältnisse sind instabil geworden und können sich jederzeit radikal ändern.
Vielleicht führt genau diese Kombination aus Sättigung und Sorge dazu, dass sich die junge Generation kaum artikuliert. Das Krisengefühl, welches diese Generation begleitet, macht sie nicht politischer und schon gar nicht rebellischer. Viele von uns wollen nicht kämpfen, weil sie glauben, dass es nichts bringt. Viele haben den Blick mehr als nötig aufs eigene Schicksal gerichtet und glauben, dass sie es so beeinflussen können – eine Illusion in dieser verschachtelten und vernetzten Welt. Das Machbare steht über dem Visionären, die Träume sind klein. Die Mehrheit will bloss „anständig“ leben, einen Job, eine Familie, sich etwas leisten können. Dabei läge in all diesen Krisen die Chance zu erkennen, dass gerade auch unser eigenes Schicksal mit jenem unzähliger Anderer verknüpft ist, dass es also nichts bringt, wenn wir uns in der Unsichtbarkeit der privaten Anonymität verstecken. Die Welt ganz grundsätzlich zu verändern, soll und kann nicht der Anspruch sein; das Machbare aber nicht nur im Privaten zu suchen, allerdings sehr wohl. Denn das Potenzial für einen Aufbruch liegt für unsere Generation offen da: Wir sind global vernetzt und flexibel, technisch hochgerüstet und mobil. Anders als frühere Generationen wären wir auch frei, zu denken und zu sagen, was wir wollen. Keine Dogmen verbieten uns das Denken.
Langweiler seien wir, wird uns von der Generation der 68er oft vorgeworfen, auf Geld und Sicherheit fixiert. Geld und Sicherheit sind anders als früher kein für alle wachsendes Gut mehr, keine Selbstverständlichkeit. Abstiegsangst ist verbreiteter als Aufstiegszuversicht. Wahrscheinlich sind wir die erste Generation nach langem, die es einmal schlechter haben wird als ihre Eltern.
Dass über Auf- oder Abstieg nicht nur die eigene Leistung entscheidet, sondern ganz wesentlich die weltweiten gesellschaftlichen Verhältnisse, das muss zur treibenden Einsicht unserer Generation werden. Ich weiss: Auch diese Einsicht wird kaum dafür sorgen, dass Massen politisch aktiv werden, doch eigentlich müssten all die Individualisten und scheinbar Unpolitischen erkennen, dass es auch für sie lohnenswert wäre, Einfluss und Verantwortung für gesellschaftliche Belange zu übernehmen. Denn gerade unser eigenes Leben wird nur besser, wenn unser aller Leben besser wird. Persönlicher Wohlstand und Freiheiten sind untrennbar mit dem Gemeinwohl verbunden. Diese Kolumne erschien in der Berner Zeitung vom 22. August 2009.
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