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Autofreie Visitenkarte für die Hauptstadtregion

Selbstbewusst traten Stadt und Kanton Bern unlängst vor die Medien und propagierten die Hauptstadtregion Schweiz. Sie skizzierten das Profil einer eigenständigen, kantonsübergreifenden Grossregion mit der Stadt Bern als politischem Zentrum der Schweiz und wichtigstem Standort der grossen Service-Public-Unternehmen und öffentlich-rechtlichen Anstalten. Sie sprachen von der Brückenfunktion zwischen Wirtschaft und Verwaltung und der Sicherung des Zusammenhaltes des Landes. Hätte Sie mehr Zeit gehabt, sie hätten bestimmt auch den Bahnhof Bern erwähnt, nach Zürich der zweitgrösste Knoten im schweizerischen Eisenbahnnetz. Für Bern ist der Bahnhof nicht nur ein Knotenpunkt, sondern das Tor zur Hauptstadt und damit die Visitenkarte einer Grossregion mit Potenzial.
Diese Visitenkarte wurde erst kürzlich teilweise umgebaut, die Unterführung und der Bahnhofplatz wurden saniert und benutzerfreundlicher gestaltet. Wer weitsichtig denkt, ist sich aber bewusst: Der Bahnhof stösst an seine Kapazitätsgrenzen. Zu den Stosszeiten ist’s auf den Perrons und in der Unterführung eng, besonders prekär ist es im RBS-Bahnhof. Die Situation wird sich noch verschärfen, denn das Bahnangebot wird entsprechend der steigenden Nachfrage laufend ausgebaut. Damit der Bahnhof dieses Wachstum bewältigen und seine wichtige Funktion auch in Zukunft erfüllen kann, ist ein Ausbau unumgänglich. Expertinnen und Experten sowie politische Verantwortliche sind mit dem Projekt „Zukunft Bahnhof Bern“ daran, mehrheitsfähige und finanzierbare Varianten auszuarbeiten. Sie beginnen heute, weil sie wissen, dass mutige Planungen Zeit brauchen und oft nur kleine Schritte zum grossen Ziel führen.

Die gleiche Weitsicht kann am 27. September die Berner Stimmbevölkerung an den Tag legen, wenn sie JA sagt zum Grundsatz eines autofreien Bahnhofplatzes und damit die Planer ans Werk schickt, damit wir irgendwann im nächsten Jahrzehnt die neue Visitenkarte eröffnen können. Solche Schritte müssen langfristig und seriös geplant werden. Über das definitive Projekt wird das Stimmvolk zu einem späteren Zeitpunkt nochmals abstimmen können. Eine lauschige Flanierpiazza wird der Bahnhofplatz nie werden, dafür hat er zu stark die Funktion einer Verkehrsdrehscheibe. Realistisch ist aber eine Aufwertung, etwa zugunsten all jener, welche den Platz täglich zu Fuss überqueren, sei’s weil sie ankommen, umsteigen oder abfahren.

Grosse Änderungen wecken Ängste – etwa vor drohendem Umwegverkehr in der Länggasse. Ich nehme diese Befürchtungen sehr ernst, auch wenn sie meines Erachtens unbegründet sind. In der Länggasse läuft punkto Verkehrsberuhigung zum Glück einiges: Nach der Eröffnung des Neufeldtunnels wird die Mittelstrasse zur Begegnungszone umgestaltet und auf der Neubrückstrasse gilt eine Nachtsperre. Die Poller und der Umbau der Länggassstrasse bleiben aber leider blockiert. Erstaunlich ist dabei: Der Bau dieser Verkehrsberuhigungsmassnahmen wurde von exakt denselben Kreisen angefochten, welche den autofreien Bahnhofplatz nun mit dem Argument bekämpfen, dies führe zu Mehrverkehr in der Länggasse. Das ist unglaubwürdig und scheinheilig. Natürlich muss ein autofreier Bahnhofplatz clever in eine gesamtstädtische Verkehrsplanung eingebettet werden. Zudem muss die kleine Westtangente via Bahnhofparking so umgebaut werden, dass sie als neuer Verkehrsweg tauglich ist und die Autos nicht durch Wohnquartiere fahren. Vor allem aber müssen in der Länggasse endlich alle vom Volk angenommenen Beruhigungsmassnahmen umgesetzt werden.

Diese Kolumne erschien in der Berner Zeitung vom 19. September 2009.