Haiti liegt am Boden. Die Menschen stehen unter Schock, trauern verlorenen Liebsten nach, haben Hunger und Durst. Im mehr oder weniger staatenlosen Chaos ist selbst die Hilfeleistung durch die internationale Gemeinschaft eine enorme Herausforderung. Geld und Hilfspakete allein sind noch lange keine Garantie, dass es den Menschen im Inselstaat besser geht, nicht einmal kurzfristig. Denn vieles gelangt weniger schnell als nötig zu den Betroffenen. Das hat viele Gründe. Der Hafen der Hauptstadt ist zerstört, der Flughafen überlastet, die Strassen voll von Trümmern. So wird vieles, was anderswo einfach scheint, schier zur Unmöglichkeit. Erschwerend kommt die brüchige Sicherheitslage dazu, in einem Land, in dem der Staat nicht viel zu sagen hat und die Menschen, hungrig und verzweifelt, wenig zu verlieren.
UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hatte diese Woche angesichts der katastrophalen Lage in Haiti eine Verstärkung der UN-Blauhelmtruppen angefordert. Sie sollen unter anderem Hilfskonvois schützen und im Hintergrund dafür sorgen, dass die Helferinnen und Helfer ihre Arbeit sicher verrichten können. Um minimale Sicherheitsstrukturen herzustellen, beschloss der UN-Sicherheitsrat, während sechs Monaten 3500 zusätzliche Soldaten und Polizisten nach Haiti zu entsenden. Damit steigt die Zahl der Blauhelme in Haiti auf 12‘500. Dieser Grosseinsatz zeigt: Im Chaos des ohnmächtigen Staates ist humanitäre Hilfe ohne Herstellung einigermassen stabiler Sicherheitsverhältnisse unmöglich. Das Beispiel macht deutlich, wie eng Sicherheit und Hilfe oft voneinander abhängen, sich gegenseitig bedingen – sei es humanitäre Hilfe wie derzeit in Haiti, sei es langfristige Entwicklungshilfe wie in anderen Ländern am Rande des Staatszerfalls. Denkt man über sinnvolle Einsätze der Schweizer Armee nach, so gehören solche Sicherungseinsätze in Krisenregionen zuvorderst dazu. Sich gegenüber friedenssichernden und stabilisierenden Einsätzen dogmatisch zu verschliessen, ist herzlos und unverantwortlich gegenüber notleidenden Menschen, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, welche nur unter minimalen Sicherheitsbedingungen geleistet werden kann. Die Katastrophe in Haiti berührt uns, das Elend der Menschen weckt unser Mitgefühl. Gross ist unsere Bereitschaft, für die Opfer Geld zu spenden. Diese Katastrophe macht uns aber einmal mehr auch bewusst, wie hart die Naturgewalten zuschlagen können, wie verwundbar das tägliche Dasein und zuletzt auch die Zivilisation selber sind. Und es zeigt wie stark die Betroffenen anschliessend auf Hilfe von aussen angewiesen sind, um aus dem Desaster herauszukommen. Das sollte auch uns zu denken geben. Die Schweiz liegt zwar mehrheitlich in einem vergleichsweise wenig von Erdbeben bedrohten Gebiet, doch Überschwemmungen, Erdrutsche oder Stürme können als Auswirkungen des Klimawandels auch uns verwunden und von anderen Staaten abhängig machen. Die Haltung, alleine am stärksten zu sein und scheinbar autonom von der politischen, aber auch von der geografischen Umgebung zu agieren, ist fatal. Denn es kann alle treffen – und das Ziel, sich in guten Zeiten Freunde zu schaffen, um in schwierigen Zeiten nicht alleine da zustehen, gilt für die Politik ebenso wie im Privaten. All jene, welche eine egoistische, unbelehrbare und selbstverliebte Schweiz anstreben, die sich allein gegen den Rest der Welt auflehnt, wollen unser Land in eine hochgefährliche Sackgasse locken. Diesem sturen und schädlichen Isolationismus müssen wir entschieden entgegen treten.
Diese Kolumne erschien in der Berner Zeitung vom 23. Januar 2010. |