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Mehr Innovation wagen statt verstaubte Mythen pflegen


Nationalstolz und nationale Identität werden immer von Mythen geprägt. Die schweizerischen Mythen wurden in den letzten Jahrzehnten kaum hinterfragt – und wer das trotzdem tat, galt rasch als Nestbeschmutzer. Zum angeblichen „Sonderfall Schweiz“ gehörten unter anderem die vollkommene Neutralität, die absolute Unabhängigkeit vom Ausland und das totale Bankgeheimnis.

Mythen scheinen Erklärung zu bieten, leisten tatsächlich aber Verklärung. Das Bankgeheimnis diene dem Schutz der Privatsphäre in lauter legitimen Fällen, hiess es, und nur ausnahmsweise, gewissermassen als gänzlich ungewollter Betriebsunfall, schütze es unrechtmässige Vermögen. Heute wird auf einmal ganz offiziell eingestanden, dass wohl um die 80 % der europäischen Gelder auf Schweizer Banken nicht versteuert sind. Das haben die Banken kaum vor wenigen Wochen erst entdeckt; sie wussten stets, dass ihr Geschäftsmodell (auch) auf Steuerdelikten fusst. Kein Wunder, dass den meisten Menschen in unserem Land über die letzten Monate klar geworden ist, dass der Bankgeheimnismythos etwas verschleiern sollte, was mit dem Vertrauen unseres Staates in uns nichts zu tun hat. Etwas, das lange gut ging, jetzt aber viele Länder gegen die Schweiz aufbringt. Die Menschen merken, dass dieser Mythos zu weit an der Realität vorbeigriff, und dass er höchstens noch als SVP-Folklorekitsch taugt.

Nun erodiert die Unterstützung für das Bankgeheimnis, denn der Mythos ist tot. Inzwischen ist eine Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer mindestens für die Aufgabe der Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug. Ganz freiwillig geschah dies jedoch nicht. Die Steuerfluchtpolitik brachte die Schweiz unter enormen internationalen Druck. Immer mehr Länder ärgern sich darüber, dass sich viele ihrer reichen Bürgerinnen und Bürger davor drücken, ihren Beitrag an die Schulen, den öffentlichen Verkehr und die ganze Infrastruktur zu leisten und ihr Geld stattdessen in der Schweiz verstecken – mit tatkräftiger Hilfe mancher Schweizer Bank. Um unser Land aus dieser misslichen Lage zu bringen, braucht es einen Befreiungsschlag. Erst wenn die längst überfällige Weissgeld-Strategie entwickelt und umgesetzt worden ist, wird niemand mehr gestohlene Bankdaten kaufen wollen.

Vor 150 Jahren war die Schweiz das, was man heute Schwellenland nennt. Breite Bevölkerungskreise waren von bitterer Armut betroffen, eine rückständige Infrastruktur prägte das Land. Mit Innovation, Fleiss und einem vorbildlichen Bildungssystem haben die Gründer des Bundestaates die Grundlage für den Wohlstand von heute gelegt. Geschafft haben sie das nicht mit verstecktem Geld oder verstaubten Mythen, sondern mit dem Mut zum Fortschritt, zur Veränderung und zur Freiheit, kombiniert mit einem starken Rechtsstaat und einer Demokratie, die bis heute weitherum vorbildlich geblieben ist. Daraus hervorgegangen sind grossartige Infrastrukturen wie die Bahnen oder die Post, aber auch unzählige kleine und mittlere Industrie- sowie Dienstleistungsbetriebe, welche die Wirtschaft in Schwung brachten.

An diese Gründerzeit müssen wir anknüpfen. Die Schweiz von heute muss die Probleme von heute bewältigen. Etwa mit einem massiven Ausbau der erneuerbaren Energien und der Cleantech-Branche. Hier lassen sich die Arbeitsplätze der Zukunft schaffen: die Schweiz als Pionierin beim ökologischen Umbau der Wirtschaft und in der Schaffung nachhaltiger Arbeitsplätze. Das müssen wir anpacken, hier liegen gute Gründe für künftigen Nationalstolz.

Diese Kolumne erschien in der Berner Zeitung vom 20.2.2010.